2009/10 - Tierische Reise


Tierische Reise - Ein Missverständnis mit Folgen

KofferIn einer großen, teuren, palast-ähnlichen Villa in Kärnten wurden Koffer gepackt, denn die 21-jährige Milliardärstochter Susanne Christine Klara Isolde Helena Claudia Emilia die Siebente plante zu verreisen.

„Juhu!", lachte sie und tanzte mit ihrem reinrassigen mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Chihuahua durch das Gebäude. „Wir fliegen nach New York, meine Süße, dort wirst du mit den berühmtesten Hunden aller Welt gemeinsam von der Leinwand bellen!", fuhr sie fort. Mit ‚Süße' war natürlich ihre Chihuahua-Dame Tatjana Roswitha Dolores Felicia Katharina Theresia die Zwölfte gemeint, die sie übermütig durch die Luft wirbelte.

„Verzeihen Sie, Madame“, ertönte eine vornehm zurückhaltende Stimme von einer der 16 Türen in diesem Saal, „darf ich Sie zu Tisch bitten?“ „Danke, James“, gab sie ihrem Butler zurück. Sie und ihre Hündin begaben sich in den Speisesaal und setzten sich an die Tafel. Vor jeden wurde eine Speisekarte hingelegt. „Als Vorspeise nehme ich den Shrimps-Cocktail, danach das Tunfischsteak mit Süßkartoffeln und als Nachspeise das Champagner-Soufflé“, entschied sich Susanne. Ihre Hündin bellte: „Ich wünsche Kalbsfilet mit Trüffelsoße“, und sie berührte mit ihrem Pfötchen das entsprechende Gericht auf der Speisekarte. Der Butler, der natürlich nur ein Bellen vernommen hatte, schaute auf die Karte und sprach: „Sehr wohl!“ und schlich aus dem Raum. Der Weinkellner erschien, servierte Susanne ein Glas ihres erlesenen Lieblingsweins und brachte für Tatjana eine silberne Schüssel mit einem leicht perlenden natürlichen Mineralwasser, das Susanne für ihren Liebling extra aus Paris einfliegen ließ.

TatüNach einem vorzüglichen Mahl verließen die beiden ihre Villa, stiegen in ihre riesige Limousine, in die gerade noch der 22. Koffer verladen worden war, und fuhren zum Flughafen.

Zur gleichen Zeit wurde in einer kleinen 35 m²-Wohnung ebenfalls gepackt. Der ärmliche Künstler Simon, 25 Jahre alt, hatte eine Reise zu einem Malwettbewerb nach New York gewonnen. Er wohnte allein. Er hatte nur einen getigerten, etwas faulen und etwas zu dicken Kater namens Rolo. Aber das störte den Künstler nicht, denn Rolo war sein Ein und Alles. Er streichelte dem Kater über den Kopf und meinte: „Gut, dass ich die Reise für Zwei gegen eine Reise mit Tier umtauschen konnte, sonst hätte ich dich nämlich alleine lassen müssen.“ „Genau“, schnurrte der Kater. Obwohl Rolo vom Äußeren her dicklich und faul wirkte, war er sehr gebildet. Sein Herrchen erzählte ihm viel und las ihm häufig aus Zeitungen und Büchern vor. So konnte Rolo fast alle menschlichen Sprachen verstehen (Tiere sprechen ja überall auf der Welt die gleiche Sprache). Er konnte lesen, rechnen und kannte sich gut in den verschiedensten Kulturen aus.

Simon legte noch seinen Kopfpolster in die Transportbox, die er von seinem Nachbarn für Rolo ausgeborgt hatte, und sagte: „Damit du es schön weich hast..." Rolo schmiegte sich noch einmal an sein Herrchen und kletterte in die Transportbox. Simon schloss seinen kleinen Koffer, nahm die Box und machte sich auf zu seinem Nachbarn, der ihm angeboten hatte, ihn zum Flughafen zu bringen.

RolloAm Flughafen herrschte großer Betrieb. Leute liefen hektisch umher und vor den Schaltern bildeten sich lange Schlangen. Simon stand schon seit einer geschlagenen Stunde in der Reihe und war kaum vorwärts gekommen. Da öffneten sich die Türen der Abflughalle. Drei schwarz gekleidete, muskelbepackte Bodyguards erschienen und bahnten einem kleinen, zierlichen Fräulein eine breite Schneise durch die Menge. Dabei liefen sie genau durch die Warteschlange der 3. Klasse. Simon, dem vor Staunen der Mund offen geblieben war, wurde grob zur Seite gedrängt, stolperte und landete hart auf seinem Hinterteil. Auch Rolos Transportbox knallte unsanft auf den Boden und der Kater fauchte böse. In diesem Augenblick schritt das „Fräulein“ (es war Susanne) vorbei. Ihr folgte eine Schar Dienstboten, die eine nicht enden wollende Zahl an Taschen und Köfferchen trugen und eine riesige goldene Transportbox, in der ein winziges Hündchen auf vielen Pölsterchen aus Samt und Seide thronte. „Was für eine Tussi“, fuhr es dem verärgerten Simon durch den Kopf und er schaute noch einmal missbilligend zum kleinen Fräulein, das inzwischen schon am 1. Klasse-Schalter eincheckte - ebenfalls nach New York - und sich in einer übertriebenen Szene von ihrem Chihuahua verabschiedete.

Nach einer weiteren Stunde des Wartens kam endlich Simon an die Reihe. Auch er musste sich von seinem Liebling trennen. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Flieger, der New York-Airline. Inzwischen wurde Rolo über ein sehr holpriges Förderband befördert, abgeladen, weiter-transportiert und wieder abgestellt. Dann kam er auf einen kleinen Laster - zusammen mit der riesigen Transportbox des Chihuahuas und drei weiteren Tieren - wurde zu einem Flugzeug gebracht und dort verladen. Aber es war nicht die New York-Airline, sondern eine australische Maschine! Und dort warteten sie nun - ohne dass sie, ihr Herrchen oder ihr Frauchen etwas von diesem folgeschweren Irrtum ahnten - auf den Start der Maschine. Hilfe!!!





Tierische Reise - Allein unter wilden Tiere

Als Rolo erwachte, war es stockdunkel. Er brauchte einige Zeit, bis er sich wieder erinnerte. „Genau, wir sind ja auf dem Weg nach New York!", freute sich der getigerte Kater. Er lauschte dem Brummen des Flugzeugmotors, da kamen ihm erste Zweifel: „Komisch, dass wir noch immer fliegen... Nach New York dauert es - soweit ich weiß - doch nur sechs bis sieben Stunden..." Rolo hatte vor dem Flug eine Beruhigungsspritze bekommen, mit der er eigentlich den gesamten Flug über hätte durchschlafen sollen, ohne zwischendurch aufzuwachen.

WombatIhm fiel ein, dass noch andere Tiere an Bord waren, und er entschloss sich, leise nach ihnen zu rufen. „Psssssssst! Hallo! Ist da jemand?", wisperte er. „Sei still! Ich halte meinen Schönheitsschlaf!", kam rüde als Antwort. Von der schrillen Stimme verschreckt, duckte sich Rolo, dann spähte er vorsichtig in die Richtung, aus der die Worte gekommen waren. Der Kater erkannte die riesige Transportbox wieder, die er schon am Flughafen beim Einchecken gesehen hatte. In ihr saß ein winziger Chihuahua, welcher der Stimme nach wohl ein junges Mädchen sein musste. „Puh! Hast du mich erschreckt!", seufzte Rolo erleichtert, „Wie heißt du?" „Pah!", kam es zurück, „Normalerweise spreche ich ja nicht mit dem gemeinen Volk, aber damit du mich endlich in Ruhe lässt, will ich dir meinen Namen verraten: Ich heiße Tatjana Roswitha Dolores Felicia Katharina Theresia die Zwölfte." Jetzt war der Kater baff. Etwas zögerlich fragte er: „Hast du denn auch einen etwas kürzeren Spitznamen?" „Nein!", bellte die Chihuahua-Dame. „Wirklich nicht?", ließ Rolo nicht locker, „Dein Name ist aber viel zu lang." Er überlegte kurz und entschied: „Ich werde dich einfach Tatü nennen. Ich bin übrigens Rolo." „Was?", kreischte die Hündin entsetzt, „Entweder du sprichst mich mit Tatjana Roswitha Dolores Felicia Katharina Theresia die Zwölfte an - oder du lässt es überhaupt bleiben. Ich lasse mir doch keinen Feuerwehr-Namen geben von einem daherge..."

Rollo am Seil„Was ist denn das für ein Radau?" mischte sich auf einmal eine tiefe Stimme aus dem hinteren Teil des Raumes ein.
Sie kam von einer der drei anderen Transportboxen. Die Stimme fuhr fort: „Man sollte doch auf dem langen Flug nach Australien seine Ruhe haben können!" Rolo klappte die Kinnlade herunter. Australien? Sie waren doch auf dem Weg nach New York, oder nicht? Bissig schleuderte Tatü dem Störenfried eine Antwort entgegen: „Also, für alle, die es noch nicht wissen: Wir fliegen nach New York, wo ich mit einer ganzen Reihe von Berühmtheiten einen Film drehen werde." Genau in diesem Augenblick hörte man aus dem Lautsprecher über ihnen: „An alle Passagiere: In sieben Stunden landen wir an der Westküste Australiens." Nun war es Tatü, der vor Schreck eine Zeitlang der Mund offen blieb, bis sie schließlich empört hervorstieß: „Dann muss der Pilot eben sofort umdrehen und mich zu meinem Frauchen nach New York fliegen." Da begannen alle anderen Tiere schallend zu lachen und Tatü schwieg den restlichen Flug über beleidigt.

Nach der Landung wurden die Tierboxen ausgeladen und an einen Schalter gebracht. Die drei anderen Tiere wurden wenig später abgeholt, doch Rolo und Tatü warteten und warteten und warteten. Vergeblich!

Nach zwei Stunden begann Rolo: „Tatü, du weißt, dass mein Herrchen und dein Frauchen uns hier nicht abholen werden. Sie wissen ja nicht einmal, wo wir stecken. Wir müssen irgendwie auf eigene Faust zu ihnen gelangen. Ich habe aber noch keine Ahnung wie. Auf jeden Fall sollten wir zusammen bleiben, denn alleine, jeder für sich, schaffen wir es nie."

In diesem Moment sprangen einige Leute erschrocken zur Seite, denn durch die Halle flitzte mit atemberaubender Geschwindigkeit ein Teddybär-ähnliches, kleines, braunes Geschöpf mit entzückenden buschigen Ohren. „Schnell, lass uns diesem Wombat folgen. Er ist hier in Australien zu Hause und muss sich auskennen. Er weiß sicher, wie wir zurück-kommen." Mit einer geschickten Pfotenbewegung öffnete Rolo seine Transportbox und befreite auch Tatü.

Dingo„Komm schon!", zischte Rolo. Widerwillig stolzierte Tatü Rolo hinterher. Sie verfolgten den Wombat über eine halb vertrocknete Wiese bis hin zu einem kleinen Wald. Da beide Tiere wenig Ausdauer, jedoch großen Hunger und Durst hatten, verloren sie den Wombat bald aus den Augen. „Na, toll!", meinte Tatü überheblich, „Nachdem dein Plan schief gegangen ist, tun wir nun das, was ich sage. Wir gehen jetzt wieder zum Flughafen und warten dort, bis man uns holt!" Sie musterte Rolo mit einem herablassenden Blick. Da knackte ein Ast im Dickicht und Rolo sprang fauchend zur Seite.

Schnapp! Auf einmal hing der Kater in der Luft. Mit seiner rechten Hinterpfote war er in eine Falle getreten und baumelte nun mit dem Kopf nach unten zwei Meter über dem Boden. Tatü starrte Rolo entgeistert an. „Was machst du da? Für solche Albernheiten haben wir jetzt keine Zeit!", tadelte sie ihn. Gerade als Rolo etwas antworten wollte, erstarrte er: Aus einem Busch trat ein riesiger brauner 'Wolf'. Tatü stieß einen spitzen Schrei aus. Der Wolf sprang auf Tatü zu, packte sie entschlossen am Nacken, ließ ein gefährliches Knurren vernehmen und stürzte mit ihr davon.

„Tatü", miaute Rolo. Doch er bekam keine Antwort. Wieder raschelte es, aber diesmal über ihm in der Baumkrone. Verängstigt schaute er nach oben. Wölfe können doch nicht klettern, oder? Doch da sah er einen Koala, der gerade dabei war, das Seil, das Rolo gefangen hielt, durchzunagen. Als es geschafft war, landete Rolo mit einem harten Plumps am Boden. Da tauchte neben ihm schon sein Retter auf. „Komm mit! Ich kenne ein Versteck!", flüsterte der Koala. „Aber Tatü!", maunzte Rolo. „Ich glaube nicht, dass du deiner Freundin helfen kannst. Und nun komm. Hier ist es zu gefährlich." Entgeistert schaute Rolo den Koala an, dann folgte er ihm durchs Gebüsch.





Tierische Reise - Die große Rettungsaktion

Der Koala, der sich als Mr. Cooper vorstellte, führte unseren Kater Rolo tief in den Wald hinein. Je tiefer sie vordrangen, umso mehr Tiere begegneten ihnen und Mr. Cooper rief ihnen zu: „Trommelt alle zusammen und kommt zur Lichtung!" Rolo, der sich große Sorgen um das kleine Chihuahua-Mädchen Tatü machte, folgte dem Koala wie ein Schatten. Plötzlich blieb sein Führer so abrupt stehen, dass Rolo unsanft gegen dessen Gott sei Dank weiches Hinterteil prallte. „Da sind wir!", erklärte Mr. Cooper freudig und deutete auf einige Büsche. „Hier?", wunderte sich Rolo, „Hier ist doch niemand." Doch genau in dem Moment, als der Kater das sagte, hörte er ein Gekicher über sich und blickte nach oben. Über ihm hingen hunderte Fledermäuse und Flughunde in der Baumkrone. Während er noch staunend nach oben schaute, wurde ihm ein Stoß verpasst, er rutschte unter den Büschen hindurch und landete auf einer Lichtung, auf der bereits jede Menge anderer Tiere warteten: Koalas, Kängurus, Emus (= straußähnliche Vögel), tasmanische Teufel und viele mehr.

Da trat ein sehr alt aussehender Wombat vor, begrüßte alle Anwesenden und dankte ihnen für ihr promptes und vollzähliges Erscheinen. Danach wandte er sich an Rolo: „Erzähl uns jetzt, was vorgefallen ist." „Also gut", fing Rolo an, „meine Freundin Tatü und ich kommen von weit her: aus einem kleinen Land namens Österreich. Wir wollten eigentlich Ferien in New York machen, kamen dann aber in den falschen Flieger und landeten hier, in Australien..." „Wo ist denn eigentlich deine Tatü?", wurde er durch einen Zwischenruf unterbrochen. „Leise!", mahnte der Wombat, wandte sich an Rolo und forderte ihn mit einem Nicken auf, mit seiner Erzählung fortzufahren. „Nachdem wir stundenlang am Flughafen warteten und uns niemand abholte", erzählte der Kater weiter, „beschlossen wir, unser Schicksal selbst in die Pfote zu nehmen und einen Weg nach Hause zu suchen. Dann kam ein Wombat vorbei, wir folgten ihm, verloren ihn aber aus den Augen. Im Wald tappte ich in eine Falle. So konnte ich meiner Freundin Tatü auch nicht helfen, als sie von einem Wolf entführt wurde." Der alte Wombat sah ihn fragend an und stellte fest: „In Australien gibt es keine Wölfe! Ich habe aber schon von diesen Raubtieren gehört. Sie ähneln unseren Dingos. Vermutlich meinst du die." „Ja, natürlich! Das muss ein Dingo gewesen sein!", maunzte der Kater.

Die anwesenden Tiere kreischten entsetzt auf. „Diese Dingos versetzen uns alle in Angst und Schrecken", erklärte der Wombat. „Wenn diese blutrünstigen Ungeheuer jemanden von uns holen, ist er verloren." „Nein! Ich kann sie doch nicht kampflos aufgeben!", jammerte Rolo. „Mit unserer Hilfe kannst du leider nicht rechnen! Wir trauen uns nicht!", murmelte eine Fledermaus verlegen. „Aber ihr seid doch so viele", bettelte der Kater, „Wenn ihr mir helft und wir uns zusammenschließen, können wir diese Dingos vertreiben und ihr könnt wieder ohne Angst leben. Gemeinsam werden wir es schaffen!"

Großer Auflauf
Dann war es plötzlich mucksmäuschenstill. Man sah, wie angestrengt die Tiere überlegten und abwogen. „Ja, wir halten zusammen!", rief endlich eine Känguru-Mama. „Genau! So machen wir es", brüllte ein anderer und schließlich fielen alle Tiere in zustimmendes Gemurmel ein. „Einer für alle...", begann Rolo. „...und alle für einen", kam es im Chor zurück!" „Gut", brummte der alte Wombat, „dann lasst uns mit den Vorbereitungen beginnen."

In der Zwischenzeit wurde das verängstigte Chihuahua-Hündchen Tatü von dem Dingo zu einem riesigen Vulkan gebracht. Seinem Schicksal ergeben, wagte es nicht einmal ein bisschen zu zappeln, obwohl sich die Zähne des Dingos unangenehm in sein Nackenfell bohrten. Am Fuße des Berges gab es viele Höhleneingänge. Zielstrebig lief der Dingo in einen davon, bog in den Gängen unzählige Male ab und brachte Tatü in einen großen Saal. Dort waren etwa 20 Dingos versammelt und überall lagen abgenagte Knochen herum. „Was bringst du uns da, Broteus?", fragte eine tiefe, bedrohliche Stimme. Broteus senkte ergeben den Kopf und warf seinem Anführer Tatü vor die Füße. „Aua!", kreischte die Hündin, die gerade ihren Mut zurückgewonnen hatte. „Was ist das? Eine flügellose Fledermaus oder eine hässliche Ratte?", fragte der Anführer spöttisch.


„Was für eine Unverschämtheit!", Tatüs Stimme überschlug sich. „Ich bin Tatjana Roswitha Dolores Felicia Katharina Theresia die Zwölfte. Ich stamme aus einem der vornehmsten Häuser, gewann zahlreiche Preise und Urkunden wegen meiner strahlenden Schönheit und du wagst es, mich als hässlich zu bezeichnen!?!" Belustigt über den Wutausbruch dieses jämmerlich kleinen Hündchens meinte der Anführer: „Also gut, eure Hoheit! Euch zu fressen, würde mir nichts bringen. Du wärst nicht einmal etwas für meinen hohlen Zahn. Aber du hast Temperament und es stimmt: Hässlich bist du wirklich nicht. Ich denke, ich mache dich meinem Sohn zum Geschenk." Da trat ein kleinerer, etwas bummeliger Dingo vor und als Tatü empört anfangen wollte, zu protestieren, wurde sie auch schon von ihm gepackt und davongetragen. Der Anführer knurrte seinen Untertanen zu: „Die Sitzung ist beendet. Macht euch bereit für die nächtliche Jagd."

DingochefAm nächsten Morgen versammelten sich alle Tiere des Waldes. Da die Dingos in der letzten Nacht wieder einige ihrer Freunde geholt hatten, waren sie mehr denn je bereit, gegen sie zu kämpfen. Geschlossen marschierten sie los, Rolo und der alte Wombat an der Spitze. „Tatü, ich komme!", dachte sich der Kater grimmig. Am Vulkan angekommen, türmte sich der riesige Berg mit unzähligen Eingängen vor ihnen auf. Wie ging's bloß weiter? Da bewegte sich etwas in einer der Höhlen und ein verschlafener Dingo trat ins Freie. „ZUM ANGRIFF!", brüllte Rolo und tausende Tiere stürmten auf diesen Eingang zu. Dem Dingo blieb beinahe das Herz stehen; dann flüchtete er winselnd zurück in die Höhle. Anfangs versuchten die Dingos noch, sich zu verteidigen, doch nach und nach ergriff einer nach dem anderen die Flucht. Mitten im Getümmel suchte Rolo verzweifelt nach Tatü. Endlich fand er sie: Sie saß ängstlich zusammengekauert in einer Ecke. Als sie Rolo sah, strahlte sie übers ganze Gesicht. „Rolo, mein edler Retter!", rief sie und rieb dankbar ihr Näschen an seinem. „Vielen Dank!", wisperte sie dann.

Als Rolo mit Tatü in den Saal der Dingo-Höhle zurückkam, hatte bereits der letzte Dingo das Weite gesucht. Die Tiere des Waldes brachen in Jubel aus. Den ganzen Tag wurde gelacht, gefeiert und getanzt. Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen. Der alte Wombat gab ihnen einen Emu und auf dem ritten sie zum Hafen, wo sie ein Schiff nach Hause bringen sollte.





Tierische Reise - Unterwegs auf Hoher See

Als Tatü und Rolo am Hafen ankamen, war es bereits früher Nachmittag. Mit ihrem Begleiter, dem Emu, versteckten sie sich hinter ein paar Büschen und blickten auf die vielen Schiffe und Boote, die dort vor Anker lagen. „Seht ihr das riesige Schiff gleich rechts neben dem dritten Steg?", fragte der große Vogel, „Mit ihm kommt ihr nach Hause." Der getigerte Kater Rolo miaute: „Auf Wiedersehen! Hab vielen Dank, dass wir den weiten Weg hierher auf dir reiten durften." Und auch die Chihuahua-Dame Tatü bedankte sich herzlich. Dann verabschiedete sich der Emu mit den Worten: „Kommt sicher heim, Freunde! Gute Reise!", und preschte davon.

„Gut, Tatü, lass uns hinüber zum Schiff gehen und herausfinden, wie wir an Bord kommen", schlug der Kater vor. Vorbei an vielen Kisten schlichen sich die beiden an den Luxusdampfer heran. „Ah, das erinnert mich an eine Reise, die mein Frauchen und ich einmal gemacht haben", erzählte Tatü verträumt. „Dort oben ist meine Welt. Dort werde ich endlich wieder den Luxus und die Annehmlichkeiten des Lebens erfahren, die mir zustehen. Rolo, komm mit, wenn du etwas lernen willst!" Tatü kroch zwischen den Frachtstücken hervor und stolzierte hoch erhobenen Hauptes zur Gangway. Doch leider sah Tatü längst nicht mehr so gepflegt und sauber aus, wie sie es vermutete. Das Abenteuer in Australien hatte ihrem Erscheinungsbild ziemlich zugesetzt: Aus der einstigen Schönheitskönigin war ein verstaubtes, schmutzverklebtes, kleines Hündchen geworden. Da sich Katzen ja ständig selbst putzen, sah Rolo nicht annähernd so heruntergekommen aus wie seine Freundin. So geschah es auch, dass Tatü von ein paar Männern, die gerade das Schiff beluden, schimpfend davon gejagt wurde, während ein Paar kleiner Hände den Kater packten.

Der zutiefst geschockte Rolo starrte in das Gesicht eines etwa siebenjährigen Mädchens. „So ein süßes, drolliges Kätzchen", lachte es vergnügt. „Ich werde dich Prinzessin nennen." Rolo, der sich wieder gefasst hatte, miaute protestierend: „Prinzessin? Es muss sich hier um eine Verwechslung handeln: Ich bin doch ein Bub!" Das Mädchen schaute auf Tatü, die wenige Meter entfernt stand. „Hat der böse Wauwau dir Angst gemacht? Komm, ich bringe dich zu Papa und frage, ob ich dich behalten kann", meinte es und lief mit Rolo auf dem Arm aufs Schiff. Dort kam Rolo aus dem Staunen nicht mehr heraus. Auf dem Schiff gab es ein Hallenbad, tausende Geschäfte, Konferenzräume, Diskotheken, prunkvolle Speisesäle und vieles mehr.

PrinzessinEndlich klopfte die Siebenjährige an die Tür der Kapitänskajüte und rief: „Papa, Papa, komm raus!" Nach einem kurzen Poltern trat der Kapitän hervor. „Papa", fing sie erneut an, „darf ich Prinzessin behalten? Bitte, bitte, bitte!" Strahlend präsentierte sie ihrem Vater den Kater Rolo. „Natürlich, Clarissa! Aber wasche Prinzessin vorher und mache sie ein wenig hübsch", lächelte der große Mann. Clarissa quiekte vergnügt, drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und hüpfte mit dem armen Rolo davon. Zuerst brachte sie ihre ‚Prinzessin' zum Tierfrisör, dort wurde der Kater gewaschen und gebürstet, bis sein Fell glänzte. Er ließ es sich aber gefallen, denn er wusste, nur so könnte er am Schiff bleiben. Tatü am RückenEs machte ihm auch nichts, als ihm ein wenig das Fell getrimmt (=geschnitten), er mit Maiglöckchenduft parfümiert wurde und eine riesige rosa Schleife verpasst bekam. Danach ging es zum Juwelier und Rolo bekam ein schönes, glitzerndes Halsband mit der Aufschrift ‚Prinzessin'. „Oh, jetzt bist du aber eine feine Dame!", lachte Clarissa begeistert. „Nun unternehmen wir einen kleinen Spaziergang." Sie lief mit dem Kater in ihr Zimmer, setzte ihn in einen rosa Puppenwagen und schlenderte mit ihm stolz durch das ganze Schiff. Pausenlos plapperte das Mädchen vor sich hin. Zum Schluss verließen sie den Dampfer und das Mädchen stellte den Puppenwagen mit Rolo unter einem großen Baum in den Schatten. „Clarissa!", ertönte es vom Schiff. „So, jetzt kannst du etwas schlafen, Prinzessin", säuselte das Mädchen, gab Rolo einen Schmatz auf seine Stirn und lief zu ihrem Vater.

Als Clarissa außer Sicht war, seufzte Rolo, sprang aus dem Wagen und machte sich auf die Suche nach Tatü.

Bald fand er sie, eingeschüchtert zwischen ein paar Kisten sitzend, und er rief ihr zu: „Tatü, ich habe einen Plan." Die Chihuahua-Dame starrte ihn entsetzt an. „Rolo, bist du das?", fragte sie zögernd. Dann brach sie erleichtert in schallendes Gelächter aus. „Rolo, schön dich zu sehen. Aber du siehst ja aus wie ein Mädchen." Rolo berichtete Tatü beschämt, was am Schiff passiert war, und beendete seine Erzählung mit den Worten: „... und du könntest dich in einem der vielen Räume verstecken und ich werde dir etwas von meinem Essen abgeben." „O.K.", meinte Tatü, die etwas eifersüchtig auf den Luxus war, in dem Rolo jetzt schwelgte. „Clarissa und PrinzessinKomm schnell", miaute Rolo und die beiden liefen zurück zum rosa Puppenwagen. Der Kater setzte sich hinein und die Hündin versteckte sich im Korb unter dem Wagen. Wenig später kam Clarissa und schob ihre ‚Prinzessin' zurück an Bord.

Bei einer günstigen Gelegenheit versteckte Rolo seine Freundin Tatü in einem Vorratsraum neben der Küche. Das kleine Mädchen Clarissa ging nicht sehr vorsichtig mit Rolo um. So durfte er etwa jede Nacht in ihrem Himmelbettchen schlafen, wurde dabei aber immer fast zerquetscht. Nach drei Tagen Schifffahrt entdeckte ein Küchenjunge Tatü. Das winzige Hündchen gefiel ihm und er beschloss, sich um es zu kümmern. Er brachte Tatü etwas von den Resten aus der Küche, entsorgte ihre ‚Hinterlassenschaften' und kraulte und streichelte sie, sooft er Zeit fand. Auch Rolo besuchte seine Freundin, wann immer er Clarissa entwischen konnte, und brachte Leckereien mit. So gestaltete sich die Schiffsreise für Tatü letztendlich sogar um einiges angenehmer als für Rolo, der von Clarissa den ganzen Tag lang an- und umgezogen, gekämmt, geschminkt, geschmückt und gebadet wurde.


 



Tierische Reise - Land in Sicht !!!

SchiffNach vier Wochen auf hoher See kam das Schiff, auf dem der getigerte Kater Rolo und die Chihuahua-Dame Tatü unterwegs waren, endlich nahe einer Küste vorbei. Das entdeckte Rolo ganz zufällig, als er gerade auf der Flucht vor Clarissa war, die unbedingt ihre neuen Schminksachen an ihrem Kätzchen ausprobieren wollte. „Land!“,  jubelte Rolo. Flink sauste er zu Tatü und erzählte ihr davon. Kurze Zeit später standen beide an der Reling und schauten sehnsüchtig zur Küste. Tatü meinte mutig: „Lass uns springen. Ich halte es hier keine Sekunde länger aus.“ Der Kater starrte auf das Meer. „I-i-i-ich s-s-soll i-i-ins W-w-w-w-wasser springen?“, stotterte Rolo, doch da tauchte Clarissa mit rosa Haarspray und einem Schminkköfferchen bewaffnet an Deck auf und rief: „Prinzeeeeeeeeeesin! Woooooo biiiist duuuu?“ Da waren auch Rolos letzte Zweifel sofort beseitigt, er fauchte: „Spring!“, und beide landeten im salzigen Nass. „Miau!“, kreischte Rolo. Tatü strampelte wie wild um sich. „Tatü, du kannst doch schwimmen, oder?“, fragte Rolo. „Ja, aber nicht so gut! Und diese Wellen machen es mir auch nicht leichter“, rief Tatü panisch und spuckte Wasser.

Da spürten die beiden etwas unter ihren Pfoten. Unter ihnen tauchte ein riesiger, weicher und glatter ‚Felsbrocken’ aus dem Meer auf. „Braucht hier jemand eine Mitfahrgelegenheit?“, dröhnte die tiefe Stimme eines Wales. „Ja, danke!“, seufzten die beiden und machten es sich auf seinem Rücken bequem. Der Wal steuerte aufs Land zu und fragte: „Was wollt ihr eigentlich in China?“ „WIE BITTE? CHINA? Oh nein!“, schrien beide wie aus einem Mund. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, jammerte der getigerte Kater verzweifelt, „Dieses Schiff hätte uns zurück in unsere Heimat bringen müssen.“ „Ich kenne diesen Dampfer“, erklärte der Wal, „er fährt von Australien über Japan nach Amerika. Und wohin wolltet ihr fahren?“ „Nach Europa!“, rief Tatü und drückte sich an Rolo. „Rolo, bitte, bring uns ganz schnell nach Hause!“, winselte sie niedergeschlagen.

Während Rolo versuchte, Tatü zu beruhigen, kamen sie der Küste immer näher. Als sie endlich wieder festen Boden unter ihren Füßen hatten, dankten sie dem Wal herzlich. „Seid vorsichtig - und du“, wandte sich die nette Wal-Dame noch warnend an Rolo, „pass bitte besonders gut auf Tatü auf.“ „Mach ich“, meinte der Kater, der wusste, worauf sie hinaus wollte, denn in China werden Hunde gegessen… Doch dieses keine Detail wollte Rolo Tatü lieber verschweigen.

„Wir müssen zu einer Stadt gehen“, stellte Rolo fest, „dort können uns die Tiere sicher helfen. Was meinst du Tatü?“ Die Chihuahua-Dame nickte: „Das ist eine gute Idee. Aber zuerst solltest du dir vielleicht die peinliche rosa Schleife herunternehmen. Das glitzernde Halsband kannst du ja behalten. Das finde ich ausgesprochen hübsch.“ „Dann schenke ich es dir, Tatü. Ab jetzt bist du meine ‚Prinzessin’!“, schmeichelte der Kater.  Nachdem sich Rolo ordentlich geputzt hatte, ging es los. Sie mussten nicht lange laufen, bis sie die ersten Häuser erkannten. Rolo mahnte Tatü immer wieder, dass sie sich unbemerkt oder möglichst unauffällig fortbewegen sollten. Nachdem Tatü auf der vierwöchigen Schiffsreise auf den Kater angewiesen gewesen war, war sie nun nicht mehr so stolz und vertraute ihm bedingungslos.

Nach einem halben Tag mussten sie eine Pause einlegen. Beide waren müde, hungrig und durstig. Da hatte der getigerte Kater eine Idee: In der Nähe stand ein Bauernhaus. Er bedeutete Tatü, dass sie warten sollte und schlich auf das Haus zu. Vor der Haustür angelangt, begann Rolo kläglich zu miauen. Wenig später trat ein chinesisches Mädchen ins Freie. Sie lächelte freundlich, sprach ein paar Worte und eilte ins Haus zurück. Bald erschien sie mit einer Schale Milch in den Händen. Sie stellte sie auf den Boden, streichelte den Kater und verschwand wieder im Haus. „Tatü, komm“, flüsterte der Kater. Sie kam angelaufen und gemeinsam machten sie sich über die Milch her, die ein wenig merkwürdig schmeckte. Von welchem ‚Tier’ die wohl stammte?

Junge HundeDann ging es weiter. Nach zwei weiteren Stunden kamen sie in eine Stadt. Rolo nahm mit der Hündin Tatü die engsten Gassen, in denen kaum Leute unterwegs waren. Immer, wenn der Kater einen Marktplatz oder eine größere Menschenansammlung bemerkte, führte er seine Freundin vorsichtshalber in einem großen Bogen darum herum. Plötzlich sahen die beiden vor einer Tür ein Netz liegen, in dem fünf putzige Hundewelpen strampelten. „Oh, nein!“, quiekte Tatü, „Wir müssen ihnen helfen.“ Schnell waren sie beim Netz und Rolo begann, es mit seinen messerscharfen Krallen zu zerschneiden. In Kürze waren die kleinen Dinger befreit. „Danke“, fiepsten sie wie wild durcheinander und drängten sich verschüchtert an ihre Retter. „Pssssst!“, ertönte es vom nahegelegenen Kanalgitter. „Psssssst! Kommt her, meine Kleinen!“ Freudig tapsten die Welpen in die Richtung, aus der die Stimme kam. Der Kanaldeckel wurde in die Höhe gedrückt und heraus sprang eine große Hündin. „Mama!“, bellten die Kleinen. „Kommt hier entlang!“, wies sie auch Rolo und Tatü an und alle folgten ihr in die Kanalisation.

„…Vielen, vielen Dank!“,  wiederholte die Mutter der Welpen nun wohl schon zum zehnten Mal und schleckte fürsorglich jedes ihrer Kleinen sauber. „Wieso waren deine Babys in diesem Netz gefangen?“, wollte Tatü wissen. „Wie bei allen Tieren“, seufzte die große Hündin, „sind auch bei uns Hunden die jüngsten die zartesten…“ „Was soll das heißen: die ,zartesten’?“, hakte Tatü, schon ein wenig misstrauisch geworden, nach. „Schätzchen…“, meinte sie mit trauriger Miene, „wo kommt ihr denn her? Ihr seid wohl nicht aus China?“ „Nein!“, antwortete der Kater, „Wir kommen aus Europa und wollen auch so schnell wie möglich wieder dorthin zurück.“ „Das erklärt einiges…“, nickte die große Hündin und fuhr, an Tatü gewandt, vorsichtig fort: „Hier bei uns in China werden Hunde, also wir, von den Menschen gegessen…“ „WAS?!?“, kreischte Tatü voll Panik und drückte sich so fest an ihren Rolo, dass dieser fast umgeworfen wurde. „Aber ihr habt meine Kinder gerettet. Ihr seid Helden und ich will euch gerne dabei helfen, von hier wieder weg zu kommen. Ich bringe meine Kinder noch zu ihrem Vater und dann zeige ich euch den Weg zum Flugplatz.“






Tierische Reise - Auf und davon

Die große chinesische Hündin namens Lian führte unsere beiden Helden, den Kater Rolo und die Chihuahua-Dame Tatü, zum Bahnsteig. Dort stand ein Güterzug, der mit alten Maschinenteilen und anderen gebrauchten Geräten beladen war. „Los! Wir müssen uns beeilen“, flüsterte Lian, schlüpfte in einen Waggon und versteckte sich zwischen dem Gerümpel. Rolo und Tatü taten es ihr gleich und machten sich so klein und unsichtbar wie möglich. Kurze Zeit später fuhr der Zug auch schon los.

Drei Stunden verbrachten sie in diesem holprigen Zug, bis endlich der Flughafen in Sicht kam, wie Lian es versprochen hatte. „Juhu, bald sind wir zu Hause!“, bellte Tatü. „Unser Herrchen und unser Frauchen vermissen uns und warten sicherlich schon sehnsüchtig auf uns“, miaute Rolo etwas traurig.
Lian träumtEs breitete sich eine bedrückte Stille aus, da fing Lian mit einer Geschichte an: „Als ich noch klein war, wohnten meine Mutter und ich hier ganz in der Nähe des Flughafens. Oft saßen wir auf diesem kleinen Hügel dort drüben und sie erzählte mir tausend Dinge über fremde Länder und Kulturen. Wie schön muss es doch sein, zu fliegen und alle entlegenen Orte besuchen zu können!“ Verträumt schaute Lian in die Ferne „Na, ja! So toll ist es auch wieder nicht“, sagte Tatü mit ernster Miene, „wären wir vor rund einem Monat nicht in dieses Flugzeug gestiegen, müssten wir jetzt nicht um den halben Globus unseren Weg nach Hause suchen.“ „Aber dann hätten wir uns auch niemals kennen gelernt und wären nie Freunde geworden, Tatü“, fuhr Rolo dazwischen, „Wir hätten die australischen Tiere nicht vor den Dingos retten und auch niemals Lians Hundebabys befreien können.“ „Du hast ja recht“, lachte Tatü glücklich.

Plötzlich kam der Zug mit einem Poltern zum Stehen. „Bitte aussteigen!“, bellte die große Hündin und sprang mit Tatü und Rolo aus dem Waggon. Gemeinsam liefen sie auf den Maschendrahtzaun zu, der das große Flughafengelände umzäunte. Flink begann Lian, eine Mulde unter dem Zaun zu graben. Als sie damit zufrieden war, meinte sie: „Schlüpft durch, Freunde! Wenn ihr euch an Board schmuggelt, seid ihr hoffentlich bald zu Hause.“ „Hab Dank für deine Hilfe. Pass gut auf dich und deine Kleinen auf“, wünschten ihr Rolo und Tatü. „Das mach’ ich auf jeden Fall. Vielleicht werden wir ja auch bald auf diesem Wege aus diesem Land abhauen und die große, weite Welt erkunden“, schwärmte Lian und nickte ihnen noch einmal zum Abschied zu.

Entschlossen krochen Rolo und Tatü unter dem Zaun durch und liefen zum Hauptgebäude des Flughafens. Unbemerkt gelangten sie am Personal vorbei. Rolo führte sie in eine Halle, in der viele Schilder standen. Einige Leute rannten hektisch hin und her, andere standen vor den Schaltern, um ihr Gepäck einzuchecken. Der Kater las laut vor, was auf den Schildern stand: „Sidney… Oh nein! Bloß nicht zurück nach Australien! Delhi, Tokio, Hongkong, Peking… Gibt es hier denn keinen Flug nach Europa?“ „Was ist mit dem kleinen Schalter dort, auf dem ein Tiger abgebildet ist?“, fragte Tatü, „Hilft uns das weiter?“ „Interessant“, meinte der Kater, „da bringt eine Fluggesellschaft Touristen in afrikanische Safari-Parks. Heute fliegt eine ihrer Maschinen in den Sudan. Und ich denke, wir sollten da mitfliegen, denn so kommen wir unserem Zuhause ein ganzes Stück näher.“

In diesem Moment schritten 15 Personen, die Khaki-Hosen und Safari-Hüte trugen, durch die Halle. „An die sollten wir uns dranhängen“, miaute Rolo und beide folgten der Gruppe zu einem kleinen, knallgelben Flugzeug, das gerade beladen wurde. Schnell huschten sie zu einer großen Holzkiste, die einen breiten Spalt hatte. „Lass uns da hinein klettern!“, schlug die kleine, schmale Tatü vor. „Ähhhh… Ich glaube nicht, dass ich da durch passe“, zweifelte der kräftige Kater. „Das klappt schon. Geh du als Erster“, ermunterte sie ihren Freund.

Rolo sah skeptisch auf den Spalt und steckte vorsichtig seinen Kopf hindurch. Dann schob er seine Pfoten und den Oberkörper hindurch und - steckte mit seinen doch etwas breiteren ‚Hüften’ fest. „Äh… Tatü… Hilfe!“, maunzte er, „Ich glaube, ich sitze fest.“ „Oh nein!“, schüttelte Tatü den Kopf und begann von hinten zu schieben. Sie drückte, schupste, stieß, zerrte…  Aber das Hinterteil des Katers bewegte sich keinen Millimeter. „Tatü, könntest du versuchen, mir wenigstens ein bisschen Fell auf den Knochen zu lassen“, fauchte Rolo ärgerlich. - „Wenn es doch nur Fell wäre.“ „Willst du damit etwa sagen, dass ich dick bin?“, protestierte der Kater empört.“ „Nein! Ich weiß, du bist nur ein wenig plüschig“, beschwichtigte sie ihn. „Seitdem wir uns kennen gelernt haben, hast du einige Muskeln dazu bekommen und auch etwas abgenommen.“ „Du hast recht! Ab sofort werde ich weniger essen“, murmelte er.

Rolo steckt fest„So, jetzt reicht’s mir“, schrie Tatü, die es satt hatte, mit Rolos Hinterteil zu reden. Sie holte zwei Meter Anlauf und warf sich mit aller Kraft gegen Rolo. Mit einem Plopp landete er im Inneren der Kiste. Auch Tatü schlüpfte durch den Spalt und sie bemerkten, wo sie gelandet waren: in der ‚Verpflegungs-Kiste’! Überall türmten sich Leckereien: Schokolade, Kekse, Waffeln, getrockneter Fisch und getrocknete Früchte… „Lecker!“, lechzte der Kater. „Rolo!“, rief Tatü mahnend, „Gerade hast du dir doch vorgenommen, weniger zu essen und abzunehmen!“ „Du hast recht“, meinte der Kater, „und gleich NACH dieser Flugreise fange ich bestimmt damit an!“

Und da wurde schon die letzte Kiste verladen, in der Tatü und Rolo (s)aßen, das Flugzeug hob ab und auf ging’s nach Afrika.



Tierische Reise - Auf Elefantenrücken durch Afrika

Rolo und TatüDer Kater Rolo erwachte durch ein Poltern. Die Kiste, in der er und seine Freundin Tatü saßen, musste wohl verrutscht sein. Rolo lag äußerst unbequem, sein Rücken schmerzte und seine Pfote war unter etwas Weichem eingeklemmt. Er wollte sich jedoch nicht bewegen, denn die Chihuahua-Dame Tatü schlief dicht an seinen Bauch gekuschelt. „Wie lange wir wohl geschlafen haben?“, fragte sich Rolo. „Wir haben vermutlich schon ein ganz schönes Stückchen unseres Weges hinter uns gebracht.“ Plötzlich merkte der getigerte Kater, dass ihr Flugzeug an Höhe verlor. „Landen wir etwa schon?“, fragte sich Rolo verwundert. Da regte sich Tatü und schlug die Augen auf. „Rolo?“, flüsterte sie verschlafen. „Wir sind bald da“, miaute er als Antwort. Die Miene der kleinen Hündin erhellte sich: „Endlich“, seufzte sie zufrieden, „und Rolo, du bist ein super Kopfkissen.“

Das kleine Safari-Flugzeug landete und alle Kisten wurden ausgeladen. Aber nachdem Rolo sich gestern mit Leckereien vollgestopft hatte, konnten sie sich nicht so einfach aus der Kiste davonschleichen, wie sie es geplant hatten. Der ‚plüschige’ Kater passte einfach nicht mehr durch den Spalt. „Jetzt haben wir den Salat“, bellte Tatü vorwurfsvoll. „Keine Panik, ich habe eine Idee“, meinte der Kater und forderte seine Freundin auf, vorzugehen und sich zu verstecken. Wie geheißen rannte Tatü los und Rolo begann, laut zu miauen. Keine zwei Minuten später wurde die Kiste geöffnet und jemand schrie: „Was macht denn diese Katze in unserer Lebensmittelkiste? Oh, nein! Sie hat alle Schokokekse gefressen, von unserem Trockenfisch ist nicht mehr viel übrig und auch einige andere Packungen sind angeknabbert…“  In dem Moment sprang Rolo mit einem Satz aus der Kiste und sauste mit Tatü davon.

Sie rannten hinter einen kleinen Schuppen und berieten, wie es weitergehen sollte. „Ich habe gehört, dass die Reisegruppe, mit der wir mitgeflogen sind, nach Norden aufbrechen will. Auch wir müssen in diese Richtung. Wir könnten heimlich mitfahren“, schlug Rolo vor. „Gut!“, bellte seine Freundin, „Wir dürfen uns aber auf keinen Fall erwischen lassen. Die sind sicher nicht mehr sonderlich gut auf dich zu sprechen, nachdem sie dich in der Kiste erwischt haben, wo wir einen großen Teil ihrer Vorräte verputzt haben.“ Langsam und vorsichtig schlichen sie zu einem der Safari-Autos und versteckten sich zwischen dem Gepäck. Eine halbe Stunde später fuhren sie los.

Es war brütend heiß und die beiden kamen sich vor wie in einem Backofen. Da blieb das Fahrzeug an einer Wasserstelle stehen. „Tatü, es wird Zeit, alleine weiterzureisen“, sagte Rolo und sprang vom Wagen. Die Chihuahua-Dame tat es ihm gleich. Nachdem sie ihren Durst gestillt hatten, bemerkten sie, dass ihr weiterer Weg wieder durch die brütend heiße Steppe führte - diesmal sogar zu Fuß! Die Sonne schien erbarmungslos vom Himmel, keine einzige Wolke war in Sicht. Da erblickten sie in der Nähe eine große Ansammlung von Felsen. Und diese ‚Felsen’ bewegten sich. „Elefanten“, miaute der Kater seiner Freundin zu. Die beiden rannten neugierig auf sie zu. Doch da hörte Rolo ein seltsames, metallisches ‚Klick!’ und er blieb abrupt stehen. „Pst!“, flüsterte er. „Tatü, komm her!“ Der Kater schlich auf die Büsche zu, aus denen das Geräusch gekommen war. Rolo erstarrte, in den Büschen saß ein Mann mit einem Gewehr in der Hand und er zielte auf die Elefanten. „Miau!“, fauchte Rolo böse und sprang mit einem Satz auf den Wilderer zu. Der vollkommen perplexe Mann ließ das Gewehr sinken. Der Kater landete auf der Brust des Mannes, krallte sich dort erbarmungslos fest und warf ihn um. Laut fauchend begann er, ihm das Gesicht zu zerkratzen. Tatü stürzte sich auf die Hand, in der der Wilderer das Gewehr hielt und biss zu. Der Mann schrie auf und ließ seine Waffe fallen.
Elefantenjäger
Alarmiert ergriff die Elefantenherde die Flucht - bis auf einen Elefantenbullen, der auf den Ort des Geschehens zustürzte. Als der Bulle das Gewehr am Boden erblickte und die beiden für ihn winzige Tiere, die den gefährlichen Menschen überwältigt zu haben schienen, hob er den Wilderer mit seinem starken Rüssel am Fuß hoch und schleuderte ihn etwas entfernt zu Boden. Der Mann ergriff laut schreiend die Flucht.

„Danke“, trompetete der Elefant, „ohne eure Hilfe hätte er bestimmt einen von uns erwischt.“ Dann brachte er die kleinen Helden zu seiner Herde und erzählte allen, wie mutig sich Rolo und Tatü für sie eingesetzt und den Wilderer fast ganz allein in die Flucht geschlagen hatten. „Können wir uns irgendwie bei euch revanchieren?“, fragten die Elefanten dankbar. „Ja, zeigt uns, wo das nächste Dorf ist“, bat Tatü. Die Dickhäuter sahen sie verständnislos an: „Warum wollt ihr zu den gefährlichen Menschen? Ihr habt doch gesehen, wie böse sie sind. Das können und wollen wir nicht zulassen. Ihr seid unsere Freunde. Bleibt lieber bei uns.“ „Aber im Dorf erfahren wir vielleicht, wie wir wieder zurück nach Europa kommen“, erklärte Rolo, „und wir wollen wieder zurück in unsere Heimat.“ „Also wenn das wirklich euer Wunsch ist“, seufzte der Elefantenbulle und zeigte in eine Richtung, „dann findet ihr die Menschen dort, etwa eine halbe Stunde entfernt.“

Rolo und Tatü winkten zum Abschied und die Elefanten blickten ihnen traurig hinterher. Bald hatten die beiden das Dorf erreicht. Freudig liefen sie auf die erste Hütte zu, wo sie einige andere Hunde erblickten, und - Zack! - wurde Tatü von zwei kräftigen Männerhänden gepackt. „Was haben wir denn da Feines?“, fragte eine raue, kratzige Stimme. „Wie praktisch, ich könnte noch einen Köter gebrauchen, der auf mein Haus aufpasst. Und viel zu essen scheinst du bei deiner Größe ja nicht zu brauchen.“ Rolo flitzte hinter eine nahe Tonne und beobachtete mit schreckgeweiteten Augen das Geschehen. Schon wieder saß Tatü in der Patsche! Wie konnte er ihr nur helfen? Da ging ganz in seiner Nähe ein Mann vorbei, der ihm sehr bekannt vorkam. „Ja, genau! Es ist der Wilderer“, fiel Rolo ein und er schmunzelte. „Den haben wir doch gerade zur Schnecke gemacht. Das könnte hilfreich sein!“ Mit gesträubtem Fell und aufgestelltem Katzenbuckel sprintete er auf den Mann zu. Als der ihn erblickte, lief er jammernd davon - und Rolo jagte ihn genau auf den Übeltäter zu, der Tatü noch immer wie eine Tasche unter den Arm geklemmt hatte. Schlitternd kam der Wilderer neben ihm zu stehen, blickte auf Tatü und schrie entsetzt: „Weg mit dem Vieh! Es bringt nur Unglück!“ Geistesgegenwärtig nutzte die Hündin den gelockerten Griff um ihren Hals, kam frei und flüchtete mit Rolo aus dem Dorf.

Nach diesem schrecklichen Erlebnis hielten sie es für das Beste, zurück zu den Elefanten zu gehen, die dank ihrer Größe leicht zu finden waren. „Könnt ihr uns vielleicht in Richtung Norden mitnehmen?“, fragte Rolo hoffnungsvoll. „Aber natürlich“, brummte der Elefantenbulle, „ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, da wir uns nicht richtig bei euch bedanken konnten.“ Er setzte Rolo und Tatü vorsichtig auf seinen Rücken und wanderte mit ihnen und seiner Herde in Richtung Norden.



 



Tierische Reise - Tante Emilia und ihre Karawane


Der Ritt auf dem Elefanten gestaltete sich für Rolo, den Kater, und Tatü, die Chihuahua-Dame, sehr angenehm. Ihr ‚Reittier‘ Baldu, der Elefantenbulle, führte seine Herde am Nil entlang. Dort kühlten sich die Elefanten und die Hündin, sooft es ging ab, und der Kater wurde, wenn auch nicht ganz freiwillig, oft nass gespritzt. Trotzdem ging es sehr rasch voran. Am Abend hielten sie an. Baldu holte den getigerten Kater und die Hündin mit seinem kräftigen Rüssel von seinem Rücken herunter und sagte: „So, meine Freunde. Jetzt sind wir in Ägypten.“ Er machte mit seinem Rüssel eine ausholende Bewegung. „Ab hier können wir nicht weiter. Hier wird es zu gefährlich für uns. Wir müssen schnell zurück in unseren Nationalpark, bevor uns Wilderer entdecken.“ „Vielen Dank, dass ihr uns hergebracht habt. Alleine hätten wir niemals so weit laufen können“, miaute Rolo. „Auf Wiedersehen!“, bellte Tatü. „Kommt gut nach Hause“, tröteten Baldu und seine Herde und stampften davon.

„Ägypten...“, seufzte der Kater. „Wenn wir dieses Land durchquert haben, sollten wir uns wieder auf ein Schiff begeben.“ Rolo starrte nachdenklich in die Nacht und dachte an sein Herrchen, das er schrecklich vermisste. „Rolo“, fragte Tatü, „könntest du uns nicht von hier wegführen? Ich würde lieber nicht in der Wildnis übernachten.“ Tatü schaute ängstlich um sich. Nach einer sehr kurzen Dämmerung war es inzwischen schon stockdunkel geworden. Rolo, der mit seinen Katzenaugen hervorragend in der Nacht sehen konnte, nickte und machte sich mit seiner Freundin auf die Suche nach einer sicheren Bleibe.

Während Rolo und Tatü durch die karge, trostlose Wüste Sahara wanderten, wurde es immer kälter. „Brrrrrr!“, zitterte Rolo, „Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass es hier in der Nacht so kalt wird, wo es doch tagsüber unerträglich heiß ist!“ Da erspähte er in einiger Entfernung eine große Ansammlung von Palmen und in der Luft lag ein Geruch von fremdländischen Tieren. Rolo rief Tatü zu: „Eine Oase! Dort können wir uns sicher ausruhen.“ Hoffnungsvoll rannten die beiden auf die Wüsteninsel zu und trafen auf an die vierzig Kamele, die friedlich um sechs Zelte herum lagen und schliefen. Und wirklich: In der Mitte der Oase lag ein kleiner Teich, umgeben von Dattelpalmen. Rolo und Tatü stürzten zum Wasser, erfrischten ihre trockenen Kehlen und wuschen sich den Staub vom Fell, dann begannen sie, sich mit köstlich süßen Datteln vollzustopfen.
Kameldame Emilia
„Hallo“, rief eine freundliche Kameldame, die durch ihr Platschen und Schmatzen geweckt worden war, „nur nicht so gierig, ihr beiden Mäuschen, sonst bekommt ihr noch Bauchweh!“ Erschrocken hielten der Kater und das Hündchen inne und wandten sich um. „Aber ihr braucht doch vor der alten Emilia keine Angst zu haben, ich beiße nicht!“, lachte die Kameldame und zwinkerte den beiden zu. „Kommt, setzt euch zu mir und erzählt eurer Tante Emilia, was ihr hier so mutterseelenallein mitten in der Wüste treibt.“ Da fassten sich Rolo und Tatü ein Herz und näherten sich vorsichtig dem großen, gutmütigen Tier.

Es dauerte eine gute Stunde, bis sie ‚ihrer neuen Tante Emilia‘ ihre ganze Geschichte erzählt hatten. Jedes winzige Detail wollte die alte Dame erfahren, bis sie endlich mit ihren Schilderungen zufrieden war und ihrerseits anfing zu sprechen: „Ich leite eine Karawane von rund 40 Kamelen. Mit uns reist eine wohlhabende Händlerfamilie, für die wir im Eintausch gegen reichlich Futter und Wasser Waren bis nach Kairo transportieren. Wenn ihr euch mit unseren Begleitern gutstellt, will ich euch gerne gestatten, mit uns zu kommen. Von Kairo ist es nur noch ein Katzensprung bis zur Hafenstadt Alexandria. Und von dort sollte es für euch dann kein Problem mehr darstellen, ein Schiff zu finden, das euch nach Hause bringt.“ Der Kater und das Hündchen nickten zustimmend und fragten dann artig: „Wo können wir heute die Nacht verbringen?“ „Ach, diese laue Wüstennacht ist wohl zu kalt für meine Schätzchen?“, schmunzelte Emilia, „Dann kriecht lieber einmal in das kleine Zelt ganz links. Dort schläft unsere Kleinste, die Tochter des Händlers, und ihre beiden Katzen Bianca und Kleopatra. Richtet ihnen, falls sie noch wach sind, einen schönen Gruß von Tante Emilia aus. Und jetzt schlaft schön.“
Rolo Tatü Bianca Kleopatra
Tatü und Rolo schlichen so leise wie möglich an den anderen Zelten und einer noch leicht glimmenden Feuerstelle vorbei auf das Zelt zu und schlüpften durch einen kleinen Riss ins Innere. Sie entdeckten ein kleines schwarzhaariges Mädchen, das in ein paar Decken gekuschelt leise vor sich hin schnarchte, und zwei Katzen, eine weiße und eine schwarze, die zusammengekuschelt auf einem Kissen lagen. Da spitzte die weiße Katze die Ohren und schlug die Augen auf. „Tante Emilia schickt uns. Sie sagte, wir dürften hier vielleicht für eine Nacht bleiben. Mein Name ist Rolo und das ist meine Freundin Tatü“, stellte sich der Kater mit einer eleganten Verbeugung vor. Geschmeichelt nickte die Katzendame und schnurrte: „Seid willkommen. Mein Name ist Bianca und das hier ist Kleopatra.“ Sie deutete mit ihrem Kopf auf die andere Katze, die in der Zwischenzeit ebenfalls aufgewacht war. Freundlich rückten die Katzendamen auf ihrem schönen, weichen Kissen näher zusammen, und luden ihre Gäste ein, sich zu ihnen zu kuscheln. Rolo, den inzwischen durchtrainierten, schönen, schlanken Kater nahmen sie sogar in ihre Mitte – und er ließ sich das, wie Tatü ein wenig eifersüchtig feststellte, wohl nur allzu gerne gefallen.

Die Chihuahua-Dame erwachte durch einen beißenden Geruch in der Nase. Sie schlug die Augen auf und sah, dass das Dach des Zeltes Feuer gefangen hatte. Mit einem lauten Bellen weckte sie die drei Katzen, die verschreckt nach draußen flohen. Binnen Sekunden hatte das Feuer um sich gegriffen: Das ganze Dach stand schon in Flammen und der Qualm im Zelt wurde dichter und dichter. Tatü wollte ihren Freunden folgen, da sah sie, wie das schwarzhaarige Mädchen aufwachte, sich orientierungslos umblickte und verzweifelt zu weinen begann. Mutig dachte Tatü: „Ich muss der Kleinen helfen, sonst wird sie ersticken.“

FeuerSie machte auf der Stelle kehrt, lief zum Mädchen und packte sie am Ärmel. Mit der ganzen Kraft ihres kleinen Körpers begann sie, das Mädchen in Richtung Ausgang zu zerren. Nach anfänglichem Sträuben gab das Mädchen seinen Widerstand auf und folgte schließlich dem Hündchen, auf allen vieren kriechend, ins Freie. Keinen Augenblick zu früh, denn hinter ihnen stürzte das Zelt in sich zusammen und eine gewaltige Stichflamme zuckte in die Höhe. Der Händler schloss seine Tochter und ihre kleine Lebensretterin glücklich und dankbar in die Arme.

Nachdem das Feuer gelöscht war, verkündete der Vater lautstark: „Dank dieses mutigen, kleinen Hündchens konnte heute ein großes Unglück verhindert werden. Wir haben Grund zu feiern.“ Und alle – einschließlich der 40 Kamele - brachen in Jubel aus. Es gab ein großes Fest zu Ehren der selbstlosen Heldin Tatü. Auf der Reise bis Kairo lebten Tatü und Rolo „wie die Maden im Speck“: Sie durften auf einem Kamel reiten, erhielten das beste Essen, viele Streicheleinheiten und wurden liebevoll gepflegt und gehegt.



 


Tierische Reise - Endlich wieder zu Hause


Als der Kater Rolo und die Hündin Tatü mit der Karawane in Kairo eintrafen, kam es zu einem tränenreichen Abschied von ihren neuen Freunden. Ihrer ‚Tante Emilia’ mussten sie aber noch versprechen, unbedingt bei den berühmten Pyramiden von Gizeh vorbeizuschauen.

PyramidenDie gigantischen Bauwerke raubten ihnen den Atem. Dann begann Tatü aufgeregt auf und ab zu hüpfen: „Ich habe noch nie echte Pyramiden gesehen. Ich dachte, die wären so klein wie auf den Postkarten.“ Rolo musste über die Begeisterung seiner Freundin schmunzeln. Er hatte zwar auch noch nie die Pyramiden von Gizeh gesehen, hatte aber schon viel über sie gelesen und wusste, dass die größte von ihnen knapp 140 Meter hoch ist. „Schau, ein gigantisches Kätzchen mit Menschenkopf“, bellte Tatü und war ganz aus dem Häuschen, als sie die über 70 Meter lange und rund 20 Meter hohe Sphinx erblickte. Rolo lachte. Er genoss es, wie offen, lebendig und liebenswert seine Freundin in den letzten Wochen geworden war, seit sie beide in Australien ‚verloren gingen’ und gemeinsam ihren Weg nach Hause suchen mussten. Wenn er überlegte, wie eingebildet, selbstsüchtig und überheblich sie am Anfang gewesen war: Sie war kaum wiederzuerkennen! So ließ er ihr noch einige Zeit, entzückt die Pyramiden und die Sphinx zu bewundern, und mahnte dann zum Aufbruch.

Rolo und Tatü erreichten bald die riesige Hafenstadt Alexandria. Da dort Markttag war, wimmelte es nur so von Händlern und Kunden. Der Kater und die Chihuahua-Dame streiften neugierig durch die Menge. In der Luft hingen tausend verschiedene Gerüche von Datteln und anderen Früchten, von Tee, Tabak, Kaffee, Fleisch, Fisch, Kakaobohnen… Laut priesen die Verkäufer ihre Waren an: „Edle Teppiche, feinste Seide aus China, kommt und kauft!“ „Wow“, bellte Tatü, „hier ist ja viel los!“ Bei einem Fleischer blieben sie stehen. Beiden knurrte der Magen beim Anblick des saftigen Fleisches. Der rundliche, etwas kleinere Händler, der die beiden bemerkte, schien an diesem Tag schon genug eingenommen zu haben, da er bester Laune war. So hackte er zwei kleine Stückchen von einem großen Steak ab und warf sie den beiden augenzwinkernd zu - mit den Worten: „Guten Appetit!“ -, dann wandte er sich wieder zu seinen Kunden um. Freudig machten sich der Kater und das Hündchen über die Stücke her.

Danach gingen sie zum Hafen. Plötzlich sah Tatü Schatten, die hinter ein paar Säcken vorbeihuschten. „Rolo“, fragte die Chihuahua-Dame, „hast du diese Schatten auch gesehen?“ Der Kater nickte und bedeutete Tatü, dass sie ihm folgen solle. Langsam schlichen sie auf die Säcke zu und entdeckten ein paar Ratten, die sich so intensiv berieten, dass sie Rolo und Tatü nicht zu bemerkten schienen.

Ratten„Äh! Entschuldigt…“, fing der getigerte Kater höflich an. Die Ratten erstarrten, sie blickten zu Rolo und stotterten: „K-K-K-K-KATZE!!!“ Die Nager stoben auseinander und versteckten sich. „Halt!“, rief Rolo verzweifelt, „Ich will euch nichts Böses! Ich will doch nur wissen, mit welchem Schiff wir nach Hause nach Österreich kommen.“ Nirgendwo regte sich etwas. Resigniert ließ der Kater den Kopf hängen. Tatü meinte tröstend: „Sie konnten doch nicht wissen, dass du keiner Fliege etwas zuleide tun kannst.“ Da kroch vorsichtig eine kleine Ratte aus ihrem Versteck. Sie war schneeweiß und hatte einen schwarzen Fleck auf dem linken Auge. Mutig stellte sie sich vor Rolo und piepste: „Du siehst wirklich nicht gefährlich aus. Mein Name ist Cherry und Richtung Österreich kommt ihr am besten mit diesem Schiff. Es fährt in den Norden Italiens.“ Die kleine Ratte deutete auf ein riesiges Transportschiff. Sie fuhr fort: „Übrigens wollen wir dort auch hin!“ „Vielen Dank!“, bellte Tatü und dann tat sie etwas, das sie noch nie getan hatte: Sie schleckte Cherry mit ihrer kleinen Zunge übers Gesicht. „Ha, ha, ha, ha! Das kitzelt!“, fiepste Cherry. Als die anderen Ratten sahen, dass Rolo und Tatü ungefährlich waren, umringten sie die beiden und bestürmten sie mit Fragen.

„Ich habe eine Idee“, meldete sich Cherry wieder zu Wort, „Tatü, Rolo! Wir schmuggeln euch aufs Schiff und dafür beschützt ihr uns vor den Katzen an Bord. Dieses Frachtschiff transportiert nämlich Baumwolle, Datteln und Zuckerrohr. Letzteres gehört zu unseren Lieblingsspeisen und deswegen patrouillieren diese Katzen durch die Lagerräume. Abgemacht?“ „Abgemacht!“, stimmten der Kater und die Hündin zu.

In der Mittagspause schlichen Rolo und Tatü mit dem Rattenclan auf das Schiff und versteckten sich unbemerkt in einem der Lagerräume. Am späten Nachmittag legte das Schiff ab und ihre Reise verlief ohne Zwischenfälle. Anscheinend waren die Katzen nicht sehr erpicht darauf, ihre Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen.

In Italien angekommen, verabschiedeten sich Rolo und Tatü und gingen alleine weiter. Kurze Zeit später erreichten sie einen Bahnhof und nach einer weiteren Bahnfahrt, die wieder einige lange Stunden dauerte, erreichten sie Kärnten. „Endlich!“, jubelten die beiden und vollführten einen Freudentanz. „Tatü“, miaute der Kater. „wir sollten zuerst zu mir nach Hause gehen. Dort kannst du dich vor deinem großen Wiedersehen etwas frisch machen.“ „Gut!“, bellte seine Freundin und folgte Rolo durch ein Labyrinth aus Straßen. Da hielt er vor einem vierstöckigen Haus. „Und dieses große Haus bewohnst du?“, staunte Tatü. „Nein“, meinte der Kater verlegen, „nicht das ganze Haus, nur eine kleine Wohnung…“ – „Oh!“

Die Eingangstür stand offen und der Kater betrat das Stiegenhaus. Gemeinsam stiegen sie bis ins oberste Stockwerk. Rolo miaute fröhlich und begann, an einer Tür zu kratzen. Kurze Zeit später öffnete Rolos Herrchen, Simon, der Künstler, die Tür. Fassungslos starrte er auf seinen Kater und stieß hervor: „Rolo! Alter Junge!“ Dann drückte er ihn innig an sich und lachte: „Du bist ja kaum wiederzuerkennen. Schlank! Durchtrainiert! Und du hast eine hübsche Freundin gefunden! Was habe ich mir Sorgen um dich gemacht!“ Als er Tatü hochhob, um sie zu kraulen, erkannte er, um wessen Hund es sich dabei handelte und schmunzelte: „Ich denke, bevor wir dich zu deinem noblen Frauchen bringen, sollten wir dich etwas hübsch machen.“ Dann brachte er beide Tiere ins Badezimmer und wusch, schrubbte, frisierte und fönte sie, bis ihr Fell glänzte.

HappyendKurze Zeit später standen sie vor der riesigen Villa. Ein Diener öffnete. Als sein Blick auf Tatü fiel, verlor er sein vornehmes Gehabe und grinste breit übers ganze Gesicht. Er machte auf seinem Absatz kehrt, lief eiligst davon und erschien keine Minute später mit der Hausherrin: Susanne Christine Klara Isolde Helena Claudia Emilia die Siebente. Diese schrie erleichtert auf, sank auf die Knie und liebkoste ihren Schatz. Zum Dank ließ sie Simons Bilder in allen bekannten Galerien ausstellen und der Künstler wurde reich und sehr berühmt.

An einem Abend, einige Wochen nachdem sie wieder zu Hause waren, saßen Rolo und Tatü im Garten der Villa. Die Abenteuer auf ihrer langen, gemeinsamen Reise hatten sie zusammengeschweißt. „Tatü“, überlegte Rolo, „wenn du so zurückschaust auf das, was wir erlebt haben, würdest du denken, wir waren ein tolles Team?“ „Waren?“, lächelte die Chihuahua-Dame, „Wir SIND ein tolles Team! Und wir bleiben für immer Freunde!“ Der Kater nickte: „Ja! Für IMMER!“



ENDE! Ich hoffe, meine Geschichte hat euch gefallen.
Schöne Ferien von eurer Marie-Christin!